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Nov
22
2009

Konzert: Rammstein in der Wiener Stadthalle

Ich habe mich mit Liebe ist für alle da ein wenig versöhnt. Nachdem ich zunächst kaum ein gutes Haar am Album ließ, muss ich nun eingestehen, dass einige Songs doch ganz gut rüberkommen, mit jedem hören noch wachsen und sich neue Nuancen auftun. Insbesondere live, im Zusammenspiel von Licht und Bühnenshow klingen viele Songs des Albums besser. Live, soviel sei vorweggenommen, kann die Tour durchgehend überzeugen.

Liebe ist auch für die Wiener da

Rammstein quartierten sich selbstverständlich an der größten Adresse des Platzes ein und selbst dieser war bis auf den letzten Platz gefüllt, Slipknot hatten das nicht geschafft. So verbrachte ich den Abend in der großen Wiener Stadthalle mit 16.000 Zeitgenossen. Beeindruckend ist insbesondere die Art und Weise, wie der Ticketverkauf geschah: In 22 Minuten waren die Plätze zu einem Zeitpunkt restlos ausverkauft, wo von einem neuen Album noch nicht einmal die Rede war. So strömten heute Heerscharen von schwarzgekleidetem Volk gen den 15. Wiener Gemeindebezrirk um diabolischen Riten zu fröhnen. Zunächst verzögerte sich der Beginn der Veranstaltung allerdings erheblich, sodass ich abends perfekt vor Ort eintraf und entsprechend gut positioniert in der ersten Reihe auf dem Parkett landete. Nicht ohne mich allerdings wie in einer Sardinenbüchse zu fühlen, als man sich von allen Seiten gegen mich stemmte. Die Ordner am Einlass waren heillos überfordert, die einstürmenden Fanscharen zu kontrollieren, wohl auch dadurch bedingt, dass die Absperrgitter sehr unglücklich vor den Personenschleusen platziert waren.

Vor Rammstein traten die Norweger von Combichrist auf. Gewisse stilistische Analogien zu Rammstein waren erkennbar, auch wenn sie ansonsten nicht besonders zum Zielpublikum passten. Trotzdem erwischten die Herren einen guten Tag, denn das Wiener Publikum war ihnen wohlgesonnen und bedankte sich auch artig nach jedem Song ohne, dass Becher auf die Bühne geflogen wären.
Musikalisch variiert Combichrist irgendwo zwischen Industrial und Techno, mit aggressiven Texten und durchwegs elektronisch getriebenen Melodien. Auf der Bühne begnügte sich man mit Sänger, einem Keyboarder (der wohl auch allerlei sonstigem elektronischen Kram vom Synthesizer bis Drumcomputer bediente) und zwei Schlagzeugern jeweils mit Percussions. Ein gesonderter Wiederkennungswert war zwischen den Songs für mich nicht erkennbar, auch wenn Sänger Andy LaPlegua mal “Get Out Of My Head” und “Fuck that Shit” ins Mikrophon brüllte, bestand jeder Song aus monotonem, technoidem Gestampfe unterlegt von steter Trommelei auf zwei vollständigen Schagzeugsets. Jene Schlagzeuger waren dabei auch das weitaus interessanteste und agilste am knapp 45 minütigem Set, hüpften die doch auch schon mal auf ihren Trommeln rum und warfen diese am Ende des Sets auch um sich. Live, zusammen mit passendem Ambiente und Stroboskopeffekten kann man sich Combichrist dann auch schon mal ansehen, muss man aber nicht und Musik von denen braucht man auch nicht auf den MP3-Spieler übertragen. Musikalisch sind Funker Vogt aus diesem Genre interessanter.

Nach langer Umbauphase eröffneten Rammstein schließlich mit “Rammlied”, das Intro mit Bühnenaufgang erinnerte mich dabei sowohl von der Bildsprache als auch stilistisch stark an die erste Szene im Film “Hellboy”, wo SS-Nazis in langen Ledermänteln das Dimensionsportal öffnen. Auch wenn der Song sehr gut ist, vermochte diser allerdings nicht wirklich die Stimmung anzuheizen. Das dürfte mitunter auch damit zu tun haben, dass jeder zweite Besucher damit beschäftigt war, irgendeine Kamera und sei es eine noch so erbärmliche Handykamera in Richtung Bühne zu halten. Ich weiß zwar nicht wozu, womöglich gibt es auf Youtube noch nicht genug verwackelte Konzertmitschnitte in grauenhafter Qualität, aber sei es wie es sei – ich persönlich finde diese Entwicklung schade. Es sollte schließlich bis “Waidmanns Heil”, zwei Songs später dauern, ehe die Halle kochte und frenetisch feierte. Da wurde es dann auch richtig eng vor der Bühne und das eine oder andere Handy verschwand (endlich) in den Taschen. Die technischen Probleme mögen das ihrige dazu beigetragen haben, die ersten fünf Minuten stimmte zumindest auf meiner Position das Mischverhältnis der Lautsprecher überhaupt nicht, mit dem Ergebnis, dass Till kaum zu hören war.

Das Bühnenbild ist wieder deutlich industrieller angehaucht und erinnert an eine moderne Version der “Sehnsucht Tour” von 1997. Hohe Mauern von metallernen Skeletten und Eisenstangen, wechseln sich mit diversen Aufbauten ab, die von ausgeklügelt positionierte Hintergrundscheinwerfern düster in Szene gesetzt werden. Über der Bühne schweben gewaltige Lüfter und große futuristische Lampen. Insgesamt wirkt die Bühne aber weniger techniklastig als auf der letzten Tour. Es bleibt ein ein kaltes, morbides zuweilen auch satirisches Bild, das von den Akteuren auf der Bühne gekonnt thematisiert wird. Das gesamte Konzert über gab es immer wieder neue Details zu entdecken, die sich mit imposanten Pyroeffekten abwechseln – soweit so gewohnt.

Die Positionen der Musiker in der ersten Reihe haben sich in den letzten Jahren ebenso wenig verändert, Paul steht (aus Sicht des Publikums) links, Richard rechts, mittig Till. In der zweiten Reihe erhöht und stets im Hintergrund Oliver, Schneider mit großem Schlagzeug und Flake dessen Keyboards auch deutlich mehr Platz einnehmen. Überhaupt setzt sich dieser wieder gewohnt extravagant und gekonnt in Szene, springt mal in Strapsen tanzend auf der Bühne (“Pussy”), steigt nach mehreren Touren Pause wieder in das Ruderboot (nun allerdings bei “Haifisch”) oder verbringt ganze Songs auf einem Laufband laufend und nebenher auf den Keyboards spielend. Dabei trägt er zumeist einen glitzernden Ganzkörperanzug, wie ihn auch der tuntigste Travestiekünstler nicht besser hingekriegt hätte. Interessant anzusehen (wenn beim singen offensichtlich hinderlich), ist auch Tills hell ausgeleuchteter Mund beim erwähnten Opener. Darauf folgte B***** – das live wesentlich besser klingt, als auf dem Album – gefolgt vom bereits behandelten Waidmanns Heil.

Mit “Keine Lust” schloss sich ein kurzes Überbleibsel der “Reise, Reise” Ära an, es sollte das einzige von jenem Album bleiben, und auch Rosenrot würde mit “Benzin” nur mit einen einzigen Song gewidmet werden. Offensichtlich weiß man auch bei Rammstein in Berlin, dass diese Alben nicht unbedingt der ganz große Wurf sind. Wenn mich Benzin musikalisch auch nicht sonderlich reizt, so beeindruckte Till hierbei allerdings mit einem imposanten Flammenwerfer, der aus einer Benzinzapfsäule mündete, mit der er schließlich einen – scheinbaren – Störenfried aus dem Publikum auf der Bühne in Brand setzte, ehe dieser von Wachposten abgeführt wurde.

“Feuer frei!”, auf “Keine Lust” folgend, ist nach wie vor fester Bestandteil eines Rammsteinkonzertes, die Feuer speienden “Gasmasken”, die Paul, Till und Richard dabei tragen ebenso. Im Publikum kam der Song erwartungsgemäß sehr gut an, sodass die Stimmung in der Halle den Siedepunkt erreichte und sich durchaus über “Weißes Fleisch” hinaus hielt, für welches sich wieder Platz in der Setlist einfand. Es sollte leider der einzige Song vom Debüt “Herzeleid” bleiben. Großes Lob gebührt den kreativen Köpfen hinter der Bühnenshow völlig verdientermaßen für die Inszenierung von “Wiener Blut”. Dabei schmiegt sich Till verklärt in die Ferne starrend an ein Grammophon, während er von einer biederen Wohnzimmerlampe beleuchtet wird. Sobald er die Zeile “Bist du manchmal auch allein, pflanze ich dir ein Schwesterlein” anstimmt, kommen von der Decke der Bühne zerfetzte, schmutzige und kaputte Spielzeugpuppen angeschwebt, die nach und nach, laut knallend zu Boden fallen. Großartig.

“Frühling in Paris” kam danach zur Erholung gerade recht und auch wenn ich dem Song nach wie vor nichts abgewinnen kann, so fand ihn das restliche Publikum um mich herum wohl gut. Daraufhin wurde uns Besuchern eines Rammsteinkonzertes im unzensierten Ausland ein Privileg zuteil: “Ich tu dir weh”. In Deutschland indiziert, darf man den Song österreichischen Minderjährigen nach wie vor zumuten – wäre auch schade um die Bühnenshow, erlebt man dabei doch wie Flake in Unterwäsche in eine Badewanne gezerrt und von Till aus einem hohen Podest, welches wohl den Klassenunterschied zwischen Herren und Sklaven verdeutlichen soll, fröhlich von einer Feuerfontäne übergossen wird. Auch wenn die Show durchaus schön anzusehen ist, hatte ich mir hier doch mehr erwartet, das gezeigte war vielmehr zu brav und züchtig. Vielleicht ist es die Weisheit des Alters, aber als Rammstein vor zehn Jahren “Bück dich” auf der Bühne aufführten, war die Aufführung dazu provokanter. Der Text zu “Ich tu dir weh” bot sich hier ja für ähnliches an.

Zur Mitte des Konzertes hin, plätscherte man ein wenig vor sich hin, das Publikum zeigte schon erste Müdigkeitserscheinungen, während man auf der Bühne “Liebe ist für alle da”, “Links 2-3-4″ und “Haifisch” aufführte (bei dem jetzt wie erwähnt in das Ruderboot gestiegen wird, nachdem Seemann – zumindest in Wien – gestrichen wurde). Auch Rammstein machten daraufhin kurz Pause und kamen mit “Du hast” zurück, woraufhin auch das Publikum schlagartig wieder erwachte, ehe man direkt danach “Pussy” nachlegte, das vor allem von einer großartigen Bühnenshow lebt, bei der Till auf eine riesige Peniskanone steigt, die Schaum weit ins Publikum stößt, ehe man als Zuseher der vorderen Reihen mit schwarz-rot-goldenem Konfetti aus der Konfettikanone garniert wird.

Mir gefiel auch sehr gut, dass die Musiker auf der Bühne von Zeit zu Zeit ihre alten Songs in einigen Nuancen variierten. Zwar klang immer noch alles so, wie man das erwartet und doch gab es immer wieder neues zu hören. Offensichtlich sind Rammstein musikalisch soweit gereift, dass sie auch die alten Songs heute ein stückweit komplexer und nicht mehr ganz so dumpf stampfend von sich geben. Das wird zwar nur den Konzertbesuchern auffallen, welche die älteren Alben in jedem Detail auswendig kennen, gefreut hat es mich trotzdem. Selbst der T-Shirt-Preis war mit 30 Euro (für Rammsteinverhältnisse, über die ich seit 2004 lästere) fast dem üblichen Niveau angemessen und wird mittlerweile auch von anderen Bands erreicht.

Den Abschluss bildeten schließlich die Songs “Sonne”, “Ich will” und als letzte Zugabe, nach der Pause zur Tour 2004, wieder “Engel”. Till tritt dabei nun in stählernen Engelsflügeln auf, die sich, wie bei Ikarus, entzünden und das Publikum sichtlich begeistert zurücklassen, vor allem weil sich die Setliste einigermaßen ausgewogen zeigte. Erwartungsgemäß lag der Schwerpunkt auf dem neuesten Album, aber auch das Meisterwerk von 2001, Mutter, kam nicht zu kurz. Positiv zu erwähnen ist ebenso, dass Songs von Reise, Reise und Rosenrot wieder auf ein Maß geschrumpft sind, wo sie in der Rangfolge hingehören: ganz nach hinten. Wenn ich auch andere Songs dieser beiden Alben wählen würde, so kann ich mit jeweils einem Song durchaus leben. Leider kamen die Alben “Herzeleid” und “Sehnsucht” etwas zu kurz; gleichermaßen war ich unglücklich, dass mit “Donaukinder” der weitaus beste Song des aktuellen Albums nicht gespielt wurde. Ansonsten bin ich heute, ich erwähnte es bereits, mit Rammstein zunächst wieder versöhnt.

4 comments

1 ping

  1. Valathe says:

    der Bericht entpsricht im großen und ganzen den tatsachen, gut geschrieben ;)

    allerdings muss ich protestieren, wenn gesagt wird, dass reise, reise kein großer griff ist. für mich zwischen dem großartigen mutter und dem nicht ganz so großartigen rosenrot ein tolles album.

    auch schade finde ich es, dass vond er herzeleid nur weißes fleisch gespielt wurde, zumindest seemann wäre noch drin gewesen…aber wenns nach mir geht hätten sie ja die ganze herzeleid spielen müssen ;)

    grüße

  2. Serona says:

    Jup, der Bericht ist gut.
    Und bei Reise,Reise und Rosenrot sind wir auch einer Meinung ;)
    Herzeleid kam mir zu kurz, mindestens zwei Songs wärn da doch noch drinnen gewesen!?
    Bei “Ich tu dir weh” hätte ich mir auch etwas….”härteres” vorgestellt.
    Naja, insgesamt wars aber trotzdem ein toller Abend!

    Grüße

  3. tAXMAN says:

    In 1 1/2 Wochen fahre ich nach Dresden zum Konzert, da die Karten für Berlin in Nullkommanix ausverkauft waren. Nach Lesen des Berichts kann ich es nun wirklich kaum erwarten.

    PS: Grüße aus Berlin, du oller Ösi! ;)

  4. Arno says:

    Natürlich waren die in Berlin ausverkauft. Ich war selbst da und habe dir schon mal zwei weggenommen. :p

  1. was tAXMAN meint… » Blog Archive » … kultureller Overkill says:

    [...] wert. Wer größeres Interesse am Konzertablauf und den gespielten Titeln hat, verweise ich auf Arnos Seite. Arno brilliert nicht nur mit Fachausdrücken und Bewertungen, nein, er schildert das Konzert schon [...]

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