«

»

Aug
19
2007

Reise, Reise

Wir leben in einer Zeit, in der fliegen billiger und komfortabler geworden ist, als die Fahrt mit herkömmlichen Verkehrsmitteln. Das weiß auch der Gesetzgeber und so kommt man auf allerlei lustige Ideen, wie etwa die Personenkontrollen bei innereuropäischen Flügen. So ganz verstehe ich die Logik dahinter nicht, aber muss ich auch nicht, ich bin ja als züchtiger Bürger anständig. Aber gut, ich kann mir durchaus vorstellen, würde ich als radikaler Islamist die westliche Welt zerstören wollen, ich würde bestimmt auch in den Dschihad fliegen, wohlwissend, dass ich da durch eine Personenkontrolle geschleust würde, anstatt unbehelligt die Bahn zu benutzen. Schließlich ist jede Stunde des sündigen Treibens bis zum heiligen Krieg eine zuviel und geflogen ist sichs in der Tat schneller als gefahren.

Ein Flugzeug fliegt im Abendwind …

Was ich allerdings immer noch nicht weiß, ist wie ich mit meinem Schuhwerk den heiligen Krieg ausrufen könnte; soll ich Ungläubige damit bewerfen oder wie stellt sich das Stasi 2.0 vor, als man mich nötigte diese auszuziehen. Nicht, dass man mich dazu aber auf dem Hinflug gezwungen hätte …

Aber zurück zum Thema, offenbar meint heute ja jeder unbedingt fliegen zu müssen. Das denken sich auch die, die an sich mit der Fliegerei gar nichts am Hut haben und sich auch sonst wenig mit Vögeln am Himmeln identifizieren können. Zum Beispiel die Sonntagsfahrer respektive -flieger und Shoppingflieger, aber ich greife vor.

So geschehen nämlich heute, als ich bereits böses ahnte, wie man mir beim Check-In am Flughafen mitteilte, dass es keine Fensterplätze für meinen Flug mehr gäbe. Ich lies mich jedoch nicht verunsichern und stieg allen Befürchtungen zum Trotz wagemutig in mein Flugzeug und suchte meinen Gangplatz. Doch es traf ein, wovor man sich bei einem Flug am meisten fürchtet, links neben mir ein Mitte-Sechziger Paar, sie zittrig und blass die letzten Stoßgebete sprechend, er gespielt gelassen und trotzdem mit Schweißperlen unter dem leicht schütteren Haar. Noch vor dem Abflug musste die Stewardess zweimal anrücken und die Kollegin am Fenster zu beruhigen und sie in Form eines Glases Wassers beim Drogenkonsum zu unterstützen.

Bereits die Apokalypse ob des Fluges mit diesen Leute vor Augen, schwenkte ich lieber nach rechts, wo neben mir gerade ein Paradiesvogel ihren Sitz zurecht rückte. An sich hätte ich gar nicht erst hinsehen müssen, bereits zurvor war mir ein viel zu starker, aufdringlicher, süßer Geruch in mein leidgeprüftes Hörorgan geraten, der sich zielsicher auf den Gangplatz mir gegenüber zubewegte. Das Ding zum passenden Gestank (oder so) steckte in einem Einteiler und trug zwei Handtaschen mit viel glitzer glitzer bling bling und war wohl in einer Sonnenbank vergessen worden, wo der Körper auch gleich um Jahrzehnte zu altern schien, zumindest passte das alles nicht zusammen.

Als sie auch noch eine Bräunungscreme aus der Tasche zog, beschloss ich notgedrungen mich wieder den eineinhalb Geistern zu meiner linken zuzuwenden. Ich mag mich hier durchaus nicht aufspielen, aber ich könnte schwören, die Frau hielt mittlerweile einen Rosenkranz umklammert. An der Stelle mag ich anmerken, dass ich die ganze Zeit mit guter(tm) Musik auf den Ohren das Geschehen um mich beobachtete. Ich konnte mir daher nicht verkneifen, Rammsteins Album “Reise, Reise” einzulegen. Ein wunderbarer Soundtrack zum Reallife um mich, der mir meinen Tag rettete. Auch wenn es mich doch ein wenig betrübte, dass Leichenteile von mir im Falle eines Absturzes neben einer Pradatasche und der neusten Ausgabe von “Vanity Fair” gefunden würden.

So ein bisschen ärgert mich allerdings, dass ich “Dalai Lama” nicht exakt genug eingeplant hatte, ich fand, das wäre eine hübsche Begleitmusik zum Start geworden, als ich mir ein leichtes grinsen nicht verkneifend nach links schaute. Aber vielleicht bin ich auch bloß Zyniker.

1 comment

No ping yet

  1. missi says:

    “Die Schuhe kannst du immer schon vorher ausziehen, ich habe die selben und muss es auch immer…” riet mir die freundliche Zollbeamtin in Nürnberg letztens in weiser Voraussicht. :o)

    Ich hatte btw. auch ein “Wir fliegen das erste mal, ist Berlin wirklich …” $foofasel, den Rest hörte ich immer weniger, denn der Druck auf den Ohren rettete mich vor schlimmeren und packte mich in Watte.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong> <pre lang="" line="" escaped="">