Zugegeben, das Jahr ist nicht mehr ganz frisch und für Jahresrückblicke ist es auch schon zu spät. Andererseits kann ich Jahresrückblicke sowieso nicht leiden und der Jahreswechsel hat für mich auch keine besondere Bedeutung.
Aber meinen Musikbestand begutachtend, fiel mir auf, das letzte Jahr war eben doch ein wenig anders. Musikalisch nämlich. Da war es nämlich ein sehr durchwachsenes Jahr mit einigen Überraschungen, wenige positive und vor allem viel Mittelmaß.
Die Aussteiger
Marilyn Manson – Eat Me, Drink Me
Der unbestrittene König dieser Liste. Ich stelle den jämmerlichen Brian Hugh Warner vor, den Rotz speienden und Tränen heulenden Gothic-Wichtel. Schluchzend und flennend zeigt er sich auf seinem neuesten Album, voller pathetischem Herzschmerz und emotional wie selten. Zum kotzen. Selten habe ich so viel Stuss auf einer CD gepresst gesehen, wie Manson letztes Jahr mit “Eat Me, Drink Me” präsentierte. Das Album ist nicht nur schlecht, es ist der komplette Reinfall. Überflüssig und verzichtbar in jeder Hinsicht.
Dabei hat der Mann Talent! Dabei versteht es der Mann gute Musik zu machen und gute Texte zu schreiben. Doch wo ist all der Hass von früheren Alben, wo sind die Themen um den menschlichen Abgrund, die Manson groß machten? Wo ist die Abneigung gegen die Gesellschaft, wo zeigt er sich als “Antichrist Superstar”. Wo ist der Mann, der “shoot, motherfucker, shoot” schreit, statt “She said “kiss me it’ll heal, but it won’t forgetâ€.
Böhse Onkelz – Vaya Con Tioz (DVD)
Dieser DVD habe ich gleich einen ganzen Artikel gewidmet. Die Quintessenz nach wie vor: geht mit Gott, aber geht. Der Weidner jedenfalls hat es nicht kapiert.
Clawfinger – Life will kill you
“Ach Clawfinger gibts auch noch?” – Ja, es gibt sie noch. Leider. Nicht, dass die Musik von Clawfinger schlecht wäre; nein, sie langweilt nur irgendwann ganz schrecklich. Musikalisch reizt Clawfinger jedenfalls keinen mehr. Seit Anfang der Neunziger klingt jeder Song gleich und die Themen sind auch die selben – mal mehr oder weniger verwaschen. 2007 versuchte man es erneut und scheitert nach wie vor daran sich von der eigenen Vergangenheit los zu lösen. Ebenso ein mehr als verzichtbares Album wie der Vorgänger. Und der Vorgänger vom Vorgänger. Und der Vorgänger vom Vorgänger vom Vorgänger. Und so weiter.
Korn – “Untitled”
Auch Korn hat so seine Probleme mit der Vergangenheit. Längst lebt es sich ganz ungeniert den selbst erfundenen Stil wieder und wieder zu recyclen. Ganz so schlimm, wie bei den Kollegen aus Schweden weiter oben ist es noch nicht, aber irgendwie ist die Luft raus (oder liegt es am Abschied von Brian “Head” Welch?) und die Texte haben nur noch wenig Tiefgang. Schade, wirklich schade.
Mayhem – Ordo Ad Chao
Attila wird niemals einen Einfluss wie Dead auf Mayhem haben. An sich eine Geschichte, die seit den frühen Neunziger Jahren abgeschlossen ist, genauso wie Mayhem als Band. Trotzdem produziert man in neuerer Zeit wieder neue Alben. Vergebens, man sollte sich die Mühe lieber sparen und das Erbe von Mayhem in Würde aufrechterhalten. Obwohl ich “Grand Declaration of War” sogar noch was abgewinnen kann, aber das war auch schon 2000 …
Die Absteiger
Ministry – The Last Sucker
Ministry schlägt sich auch mit einem großen Erbe herum, doch immerhin wandelt man nicht ganz desolat wie andere durchs Leben. Nein, The Last Sucker ist kein schlechtes Album. Voller Energie und Kraft, voller Klang und mit überzeugenden Riffs. Bloß die Themen haben wir auch schon mal alle gehört und Bush-Kritik langweilt mittlerweile sehr. Ein guter Zeitpunkt für Ministry aufzuhören, wahrlich, denn noch kann ich den Industrial Metal Pionieren einiges abgewinnen.
Dimmu Borgir – In Sorte Diaboli
Über In Sorte Diaboli habe ich auch schon einiges geschrieben. Nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht ist es irgendwo im Mittelmaß, der trosten Belanglosigkeit und die Erinnerungen an “Death Cult Armageddon” verblassen.
Paradise Lost – In Requiem
“In Requiem” ist auch so ein Fall (meine Review) von sich breit machender Unentschlossenheit. Mit dem letzten Werk versuchen die Herren aus England den Bogen zu früheren Alben zu spannen. Eine Rückkehr in die Zeit vor dem tiefen Stilwandel. Zum einen gewinnt Paradise Lost damit zwar an Härte und an lieb gewonnene Elemente aus den Jahren von Draconian Times und One Second, verliert aber an Tiefgang. “In Requiem” bringt meine Säfte lange nicht so in Wallung, wie es das selbstbetitelte Album und “Symbol of Life” vermochte. Sehr, sehr schade.
Graveworm – Collateral Deffect
Mittelmaß kommt 2007 auch aus meiner alten Heimat. Mit Collateral Deffect (schon wieder ein Review von mir) preschen die Herren und Dame gekonnt in das Meer der Belanglosigkeit vor.
Eisregen – Blutbahnen
Hier gilt exakt das selbe wie bei Graveworm steht. Nur “meine alte Heimat” durch Thüringen ersetzen und den Review Link durch den da.
Die Aufsteiger
Apokalyptica – Worlds Collide
Aus Finnland kommt 2007 offensichtlich nicht nur ein neues Album von Nightwish, nein auch Apokalyptica melden sich wieder. Und wie. Mehr und mehr ist eine rapide Weiterentwicklung zu hören. Die “Band die Metallica Songs auf Cellos covert” ist nicht mehr viel geblieben, viel mehr wurde aus Apokalyptica eine eigenständige Band, mit eigenen Strukturen, eigenen Kompositionen und der Verkörperung der reinen Energie. Mehr und mehr lernen die Songs singen. Spätestens mit “Worlds Collide” wird Apokalyptica erwachsen.
KMFDM – Tohuvabohu
“Ja, KMFDM sind richtig hart geworden, in den letzten Jahren”, sprach man zu mir vor einiger Zeit. Besser könnte ich es auch nicht sagen. Kompromisslos, elektronisch, brachial und harte, stampfende Riffs. Ein Tohuwabohu eben. Damit widersetzt sich KMFDM dem im Genre vorherrschenden Trend seichter und melodischer zu werden. Das ist gut und züchtig so.
Minsk – The Ritual Fires of Abandonment
Ganz großes Album, ganz große Musik von einer relativ jungen Band aus Chicago, die sich damit aus dem Schatten von Szenegrößen wie Neurosis und Isis löst. Sehr feiner, düsterer Sludge unglaublich kraftvoll ohne dabei laut zu werden, meisterhaft umgesetzte Tempowechsel und eine gewisse Experimentierfreudigkeit.
65daysofstatic – The Destruction of Small Ideas
65daysofstatic sind mittlerweile ja durchaus bekannt und erfolgreich. Trotzdem gehen die Engländer unbeirrbar ihren Weg und der lässt sich gut hören. Feine Musik zum wegdriften, emotional und schwebend. Die 65 statischen Tage schaffen es in ihrer Musik sogar poetisch zu sein, ohne eine einzige Zeile Text.
Neurosis – Given to the Rising
Für mich das Album des Jahres, beweist Neurosis, dass sie noch immer (oder wieder) in einer anderen Liga spielen. Wieder lauter als der Vorgänger, aber noch immer tief depressiv und schwer. Düstere und skurrile Texte über fügen sich eng an die atmosphärischen, gitarrenbetonten Klänge. Absolut hörenswert.
Weiterhin kriegt noch Trents neuestes Werk “Year Zero” seine lobenswerte Erwähnung, für seine ebenso düstere musikalische Dystopie.












2 comments
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Korrupt says:
March 4, 2008 at 10:46 (UTC 1)
Argh, neue KMFDM? Thx fuer den Hinweis!
foxi says:
March 11, 2008 at 06:24 (UTC 1)
Kann mich ja wirklich fast ueberall anschliessen, gute Kritiken wie die Faust aufs Auge. Danke dafuer!
Naja bis auf das mir Clawfinger nach einer Menge Bier N doch immer noch gefaellt.