Vor kurzem ereilte mich die Gelegenheit Deutschlands Hauptstadt aus der Nähe zu sehen. Nun holte ich das jüngste der deutschen Bundesländer nach: Mallorca. Das klingt wie eine überreizte Plattitüde, hat bei näherer Betrachtungsweise aber durchaus seine Berechtigung.
Mag ja sein, dass Mallorca eigentlich politisch zu Spanien gehört, aber beherrscht wird diese Insel vom gemeinen Teutonen. Tatsächlich dürfte der Anteil an Deutsch an den Stränden von S’Arenal höher sein, als in manchen Bezirken Berlins. In jungen Jahren erfuhr ich ja schon einiges an Massentourismus an der italienischen Adria, aber derartige Verhältnisse auf Mallorca waren dann doch eine neue Erfahrung für mich.
Dabei war ich doch schon auf das schlimmste vorbereitet worden. Die Malle-Reportagen im Unterschichtenfernsehen vermittelten ja schon im Vorfeld düstere Aussichten. Dabei war ich noch optimistisch geblieben, als ich den Hinflug ganz ohne Klatscherei und optische Geschmacksverwirrungen überlebt hatte. Lediglich zwei ganz schlimm sächselnde Quasselstrippen im mittleren Alter reisten mit Mama und Flachmann direkt hinter uns. Da konnte ich ja noch nicht ahnen, dass der Rückflug im prall gefüllten LTU-Ferienflieger mit knapp 300 Passagieren vonstatten ginge. Die Anzahl an lächerlichen T-Shirts mit Aufdrucken wie “Mallorca 2008 – Ich habe überlebt”, “Ich war in Mallorca, kann mich aber nicht erinnern” und “Spanish Triathlon: Eating, Drinking, Fucking” stieg enorm. Ich nehme das Ende vorweg: ja es wurde geklatscht.
Überhaupt scheint der gemeine Mallorcaurlauber einfach identifizierbar zu sein. Dieser läuft nämlich im Rudel, streng nach Geschlechtern getrennt, an der Strandpromenade in grellen T-Shirts durch die Gegend, auf denen einheitlich mitgeteilt wird, was der Grund des Aufenthalts sein mag. Nicht, dass sich Frauen hier von den Männern abheben würden. Ich war nämlich ursprünglich mal der Meinung, dass dieses hemmungslos zur Schau gestellte schlechte Benehmen auf XY-Chromosomenträger begrenzt sei. Wie gesagt: Ich dachte.
Die Kleiderregeln scheinen auf dieser Insel in der Tat gewöhnungsbedürftig. Was man an Kleidern und T-Shi(r)ts anzog, legte ich ja schon dar. Fast schon erstaunlich war aber eben, was man dann dennoch nicht anzog, wenn man etwas hätte anziehen sollen. Zum Beispiel in Restaurants oder Supermärkten.
Strandpromenaden mit Kitsch- und Ramschartikeln, Schuhen, T-Shirts und vielen, vielen Essmöglichkeiten gibt es vermutlich an jedem Ort dieser Welt, der touristisch für den Massenmarkt erschlossen ist. Der Balneario – gemeinhin als Ballermann bekannt – ist da auch keine Ausnahme. Eine Ausnahme bildet dieser allerdings nur in der Art und Weise wie sich die örtliche Tourismusbranche dem Urlauber angepasst hat. Die Supermärkte nennen sich “Aldi Spielhalle/Supermarkt”, Sangria gibt es mit langen Strohhalmen im Eimer (richtig Deutsch sogar mit Eimerpfand!) und zu Essen gibts Wiener Schnitzel mit Pommes, Döner, Pizza, Eisbein und Schweinshaxe. In der Tat gaben wir die Suche nach einheimischen Essen jenseits von Paella irgendwann auf – sowas gibt es da nicht. Auch wenn das Deutsch auf den Bannern und Aufschriften zuweilen experimentelle Ausmaße annimmt, hemmt das keinen Lokalbesitzer daran ein paar arme Aushilfen zu engagieren die in einwandfreiem Deutsch, in Lederhosen und/oder blau-weißen “Oberbayern” T-Shirts die flanierenden Passanten mit aller Kraft und unter Androhung von Freibier und Eimersaufen in ein Lokal zerren wollen.
Dort wird man aus allen Rohren mit der schlimmsten Partymusik beschallt und fühlt sich wie im Festzelt auf dem Oktoberfest. Ernsthaft, man hat tatsächlich Bayern auf Mallorca nachgebaut. Zum Beispiel eine riesige Arena voll mit Biertischen und wild gröhlendem Partyvolk das zu Jürgen Drews und wie Vögel alle heißen mitsingt.
Kein Wunder, dass das Image des Deutschen im Ausland als Lederhosen tragender Kampftrinker verunstaltet ist, wenn er sich in dieser Rolle so wohl fühlt. Zu meinem Entsetzen begrenzt sich dieses Phänomen nicht etwa auf Mitte Zwanziger, nein – ganze Generationen von Deutschen sitzen Arm in Arm sich hemmungslos dem Suff hingebend in diesen Bierzelten. Für viele scheint das oben genannte Credo vom spanischen Triathlon wohl sehr verinnerlicht worden zu sein. Dabei hat Mallorca sehr viel mehr zu bieten. Nur ein paar Meter abseits der Urlauberpfade finden sich touristisch sehr reizvolle Flecken, wunderschöne Landschaften, verlassene Strände und eine atemberaubende Altstadt der Inselhauptstadt Palma. Einigermaßen stolz kann ich sagen, dass wir dieses Angebot von Mallorca wahr nahmen und nicht etwa die “Bier- und Schinkenstraße” am Ballermann 6.
Im übrigen sei noch einmal ausdrücklich vor Hütchenspielern gewarnt. Nur so als Randbemerkung, denn bei vielen Leuten scheint es noch immer nicht angekommen zu sein, dass es ich dabei ausnahmslos um Betrüger handelt. Wir haben das aus sicherer Entfernung überprüft. Stundenlang. Ich fand es aus soziologischen Gesichtspunkten wahnsinnig spannend die Gruppendynamik und Verhaltensweisen von Interessierten dabei zu beobachten. Die zögerliche Frau, die an die Haushaltskasse denkt; der waghalsige Mann, der natürlich das System durchschaut hat und den schnellen Reichtum wittert; das vernetzte System von Informanten das blitzschnell das Eintreffen einer Polizeistreife ankündigt und die vielen aus dem nichts auftauchenden Lockvögel die immer gewinnen. Das war ein Spaß.












1 comment
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Ro says:
September 8, 2008 at 20:50 (UTC 1)
Leider hast du mal wieder Recht, und ich weiß _sehr_ genau, warum ich wohl nie nach Mallorca reisen werde – ich würde wahrscheinlich Amoklaufen… .