«

»

Sep
12
2008

Reingehört: Slipknot – All Hope is Gone

Es zogen einige Jahre ins Land, seit Slipknot ist letzter Studio-Album veröffentlichten. Nicht, dass die einzelnen Bandmitglieder seitdem untätig gewesen wären; insbesondere Sänger Corey Taylor verbuchte mit seiner zweiten Band Stone Sour große Erfolge. Dennoch stellt “All Hope is Gone” nun innerhalb des Genres das lange erwartete neue Studio Material von Slipknot dar.


Dabei steht das Album unter gar keinen guten Vorzeichen. Der Vorgänger “Vol. 3: (The Subliminal Verses)” erreichte zu keinem Zeitpunkt die Qualitäten des direkten Vorgängers “Iowa” und 2004 schien Slipknot es den Kollegen im Nu Metal gleich zu tun und sich wieder und wieder zu wiederholen ohne etwas neues zu bieten. So drohten die neun Herren aus Iowa das selbe Schicksal wie Korn, Linkin Park & Co. zu ereilen, deren neueste Alben – abgesehen von verblendeten Fans – niemand mehr ernst nehmen kann.

Vorweg: Ganz kann sich auch “All Hope is Gone” nicht dieses Eindrucks erwehren. Zweifellos klingt Slipknot in diesen Tagen anders als zu Zeiten “Iowas” und des Debuts, aber neu erfunden haben sich Slipknot nicht. Wirklich neues bietet man nicht, All Hope is Gone ist eher ein Schritt zurück, in brachialere, ungeschliffenere Tage, ohne jedoch komplexe Songstrukturen und anspruchsvolle Solos zu vergessen. Mehr denn je klingt Slipknot thrashig, ohne jedoch auf bewährte Kompositionen zu verzichten. Der Wiedererkennungswert ist jederzeit gegeben, ohne jedoch im Strudel der Belanglosigkeit zu versinken. Ja, All Hope is Gone kann guten Gewissens als gelungen bezeichnet werden und setzt damit ein Lebenszeichen (oder ein letztes Aufbäumen?) unter den sterbenden Nu Metallern.

Wo All Hope is Gone musikalisch ein dezenter Rückschritt ist, so ist eine latente Progressivität in Taylors Texten auszumachen. Die Themen sind die selben wie eh und je, Aggressionen und Hass werden aber dezenter und hintergründiger. Das verleiht dem Album Tiefgang und Schwere, innere Konflikte treten in den Vordergrund. Kraftvoll und leidend sind die Texte voller seelischer Kälte und behandeln Kälte, Isolation, Selbsthass und die reflektive Wirkung auf die Gesellschaft. Es gibt weniger Plattitüden und Determinismen (“People = Shit”), dafür mehr Zweifel und Unverständnis über die Gattung Mensch. So wird auch die Gesellschaft als Ganzes thematisiert und verurteilt.

Das macht auch schon das Intro “.execute” mit dem anschließenden Opener “Gematria (The Killing Name)” klar. Dabei vermittelt man ein düsteres, endzeitliches Bild der (westlichen) Gesellschaft und kritisiert den Menschen als selbsternannte Krönung der Schöpfung.

I myself am beleaguered by the selfish face of a kind of man that is not mankind. Distrust in information. Fundamentalism of opinion.

Musikalisch legt man sofort dar, wo die Reise hingehen soll. So erinnert Gematria stark an Slipknot lange vergangener Tage und präsentiert in gewohnt polemischer Weise reißerisch und kämpferisch Argumente.

Für mich einer der stärksten Titel auf dem Album ist aber “Sulfur“. Schnelles Gestampfe, abgelöst von einem melodischer Refrain, der in Sachen Eingängigkeit an den Vorgänger Vol 3. erinnert. Corey singt hier glaubwürdig über innere Zerissenheit und Selbstzweifel, kann sich jedoch ein erhebendes und kraftschöpfendes Fazit nicht verkneifen.

Psychosocial schließt sich dieser Thematik an. Bereits vorab wurde dieses Werkstück als Single veröffentlicht und zählt ebenso zu den starken Momenten des Albums. Der Hörer wird dabei vor schweren monotonen Gitarrenriffs abgesetzt, wie sie einst Rammstein zelebrierten, die sich mit kraftvollen Klartextpassagen abwechseln. Das ganze erzeugt einen sehr eingängigen Song, der allerlei seelische Qualen und Zweifel beschreibt, die in der Form durchaus Wiedererkennungspotential für jeden depressiv angehauchten Hörer bringen:

We throw ourselves against the wall
But no one else can see
The preservation of the martyr in me.

… das kann ich soweit unterschreiben.

Melancholisch und voller Herzschmerz wird “Dead Memories“. In ruhigem, treibenden Klartext geht es den inneren Tod nach einer verflossenen Beziehungen. Davon kann man halten, was man will, aber zumindest schafft man es hier den Text nicht ins lächerliche abgleiten zu lassen, sodass zumindest eine gewisse Glaubwürdigkeit erhalten bleibt. Da habe ich in letzter Zeit schon sehr viel schlimmeres gehört, nicht wahr Herr Marilyn Manson?

“Vendetta”, “This Cold Black” und “Butcher’s Hook” setzen sich weiter im Strudel der Belanglosigkeit fest. Inhaltlich bieten beide Songs nichts neues, was nicht schon aus dem Munde Taylors gesungen worden wäre, zum Beispiel Kritik an der selbstgerechten dekadenten Gesellschaft. Hier mangelt es sowohl an Tiefgang, als auch an Biss.

Doch spätestens “Gehenna” reißt das Ruder noch einmal herum. Langsam und träge, melancholisch und voller Weltschmerz stilisiert Taylor sein Inneres als persönliche Hölle, als Ort der Bestrafung zum Selbstzweck. Voller Selbsthass und destruktiv verbleibt er glaubhaft dargelegt bei:

I’ll throw it all away, like everybody else
I can finally be myself
’cause I don’t want to be myself

Wherein Lies Continue verbleibt hingegen weiter in der Mittelmäßigkeit und propagiert dabei erstaunlich ruhig bleibend Darwins Selektionstheorie mit der Macht des Stärkeren. Dabei kann der Song aber weder inhaltlich noch musikalisch wirklich überzeugen.

Ganz anders Snuff, ein weiterer Höhepunkt auf dem steten auf und ab dieses Albums. Akustisch und minimalistisch, zum Ende hin von einer melancholischen Melodie getragen wird hier ein nagender, innerer Konflikt beschrieben, einerseits geliebt zu werden, aber andererseits die Personen anzuecken und abzuweisen, die bereit sind, sich dennoch mit betreffenden Personen abzugeben. Wie immer aus der ersten Person beschrieben wird auch daraus ein glaubhaftes, emotionales düsteres Musikstück in dem sich der eine oder andere Borderliner heimisch fühlen könnte:

So if you love me, let me go.
And run away before I know.

My heart is just too dark to care.
I can’t destroy what isn’t there.

Sehr hübsch.

Der titelgebende Track “All Hope Is Gone” erinnert musikalisch an Iowa und schließt an die Kritik der (US-)Gesellschaft vom Opener an, bleibt ansonsten aber unauffällig.

Die Special Edition enthält weiterhin die Bonus Tracks “Children of Burning Time“, “Vermillion Pt. 2” (als Remix, ansonsten bereits seit Jahren veröffentlicht) und “‘Till We Die“. Nennenswert ist hierbei einzig ersterer, der traurig und schwermütig von Isolation und Einsamkeit berichtet.

I missed my window years ago,
I’m doing all I can
A tragedy is commonplace,
but in the end they go away

Im Fazit fällt “All Hope is Gone” vor allem mit glatten und sauberen Klänge auf und räumt Taylors breitbandiger Stimme mehr Platz ein, als jeder Vorgänger. Der Rotz und Dreck, der das Debutalbum und Iowa ausmachte ist praktisch verschwunden, obwohl man sich krampfhaft darauf beruft. Zuweilen gelingt das, zuweilen kommt reines Mittelmaß heraus. Textlich ist das jüngste Werk hingegen eine echte Weiterentwicklung, im positiven Sinn. Einige Songs rutschen in die Mittelmäßigkeit ab, aber gerade mit “Snuff”, “Psychosocial” und Sulfur gelingen durchaus im positiven Sinn hervorstechende Glanzstücke. Der Zorn und die Wut auf die Gesellschaft von den älteren beiden Alben kommt nicht mehr rüber, aber dafür wirken die inneren Konflikte ein ums andere Mal glaubhaft und erwachsener. Das Album ist konsolidierter und befasst sich mit dem Problem “Ich”. Das gelingt stückweise sehr gut und machen aus “All Hope is Gone” ein durchaus sehr gutes Album mit einigen Hängern. Der ganz große Wurf – immerhin Nummer 1 in den Album Charts der USA und den meisten europäischen Ländern – ist es aber nicht geworden. Aber immerhin mehr als ein Lebenszeichen aus der Nu Metal Ecke.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong> <pre lang="" line="" escaped="">